(..)Ihre Wohnung befand sich zwei Etagen über meiner, auch eine Ein-Zimmer-Wohnung mit kleinem Bad, Küche, Abstellkammer. Die nackte Glühbirne beleuchtete die Wand mit den hellen, quadratischen Mustern von den Möbeln, die hier gestanden hatten. Auf dem verschmutzten beigen Teppich lag eine Matratze, ein umgestülpter Karton diente als Tisch und aus einer Reisetasche quollen Klamotten. Die Luft war warm und stickig, am liebsten hätte ich ein Fenster aufgerissen, stattdessen öffnete ich meine Jacke.

Ihr Gesicht war angespannt, die Linien um ihren Mund wirkten tiefer. Sie entzündete eine Kerze auf dem Kartontisch und schaltete das Licht aus. Ich versuchte mich zu erinnern, wer hier vorher gewohnt hatte. Doris kniete sich vor die Wand und winkte mich heran. Ich schwankte ein wenig, als ich in die Hocke ging. Sie legte ihr Ohr an die Wand, ebenso ihre Hände und schaute mit weit geöffneten Augen auf einen Punkt knapp neben meinem Gesicht. Sie bedeutete mir, das Gleiche zu tun, ich legte mein Ohr auf die kalte Raufasertapete, ein Hicks entfuhr mir, sie schüttelte den Kopf. Dann starrten wir uns an, das heißt sie leicht an mir vorbei, und wir lauschten der Wand.

„Hörst du es?“, flüsterte sie.

„Nein“, flüsterte ich.

„Da ruft jemand um Hilfe.“ Ob ich wisse, wer über ihr wohne, es höre sich an wie ein Kind.

Ich drückte mein Ohr fester an die Wand, lauschte durch die Tapete in die Steine hinein. Nichts.

„Seit wann hörst du das?“, fragte ich.

Der Alkohol und die Hitze pochten in meinen Kopf, nur ein Gedanke, mich möglichst schnell in mein Bett zu verziehen.

Sie sei heute Nacht davon aufgewacht, habe die Hilferufe nicht lokalisieren können, sei durch die Wohnung gelaufen und habe schließlich die Stelle an der Wand gefunden, wo man es deutlich hören könne. Sie habe oben geklingelt, aber niemand habe geöffnet, ob ich mitkommen könne, zu zweit hätten wir mehr Chancen.

Meine Knie schmerzten, meine Achseln waren nassgeschwitzt. Auf keinen Fall würde ich morgens um vier Uhr gegen irgendwelche Türen poltern, nicht in meinem Zustand, und nicht in ihrem.(..)