Ich schwinge in der Hängematte, über mir Bananenblätter. Grün, braun und dazwischen kleine Lücken blau. Die Farben sind klar in der Mittagssonne.

Ein Huhn schreit auf, verstummt.

Komm doch her, ruft John mir zu.

Auch die Männer, mit denen er neben der Holzhütte im Kreis sitzt, geben mir Zeichen dazu zu stoßen. Mittendrin Phirun, der uns in den letzten zwei Tagen auf seinem Moped von Tempel zu Tempel in Angkor Wat fuhr. Phirun heißt Regen, sagte er, blinzelte in die Sonne und fächelte mit der Hand. Dann lachten wir alle drei. Heute ist er lustig vom Bier. Ich schüttele den Kopf, sage: gleich, und schwinge weiter. Genieße den Windhauch, eigentlich nur die Bewegung der heißen Luft.

An der Feuerstelle überschütten die Frauen das Huhn mit heißem Wasser, es dampft kurz, rupfen die Federn. Ich bemühe mich, nicht hinzustarren. Sie schwatzen, schneiden Grün, werfen es in den Kessel, der über dem Feuer hängt. Ein Baby wird zwischen den Frauen herumgereicht, je nachdem welche gerade eine Hand frei hat. Sie winken mir zu, ich winke zurück. Wäre es nicht so heiß, würde ich einfach ein Stück laufen.

Ich schließe die Augen und lausche den Insekten. Bis diese von Kichern übertönt werden. Zwei Frauen stehen vor mir und wollen mir das Baby in den Arm legen. Ich lehne ab, ich bin nicht gut mit Kindern, weiß nicht was ich tun soll, wenn sie weinen, aber da sitzt der kleine Junge schon auf meinem Schoß. Sie deuten auf mich und John und das Kind, kichern. Wir schauen uns nicht an. Sie fragen, ob wir verheiratet sind. Nein, sagen wir.

Nur mit einem Hemdchen ist der Junge bekleidet, seine dunklen Augen suchen meinen Blick. Ich lächle ihn an, streichle über seine Haut, umschließe ihn mit beiden Armen, rieche an seinen seidenen Haaren. Versinke in dem süßlichen Duft. Er ist ganz ruhig, ich bin ganz ruhig.

Die Frauen wollen ihn wegnehmen, gestikulieren amüsiert. Dann verstehe ich, sie haben Angst, dass er auf mich pinkeln könnte.

Kein Problem, sage ich, mache die passende Handbewegung und den Gesichtsausdruck dazu. Ziehe den Babyduft tief ein. Nur ich, das Baby und die Hängematte.

Die Männer prosten sich zu, werfen leere Bierdosen hinter sich. Die alte Frau mit den kurz geschorenen Haaren liest sie flink auf. Ein Mann zeigt in die Luft, macht Flugzeuggeräusche und dann Schüsse, Bam, Bam, Bam, Bam – reißt sein T-Shirt hoch und deutet auf Narben.

Scheiß Krieg, sagt John und ich, die Deutsche, bin froh, dass es ausnahmsweise nicht mein Krieg ist. John zieht einen zehn Dollar Schein aus der Hosentasche für Biernachschub. Einer der Männer nimmt das Geld und verschwindet auf dem Moped.

Die zwei Frauen lassen nicht locker, ich muss den kleinen Jungen zurückgeben. Ich spüre noch seine Wärme auf meinem Schoß, ich kann ihn noch riechen. Vermischt mit Koriander und Huhn von der Kochstelle. Phirun drückt mir eine Bierdose in die Hand. Alle erheben sich und prosten sich mit metallischem Klack zu. Ich setze mich neben John, ohne seinen Körper zu berühren. Das Bier ist lauwarm. Die Frauen stellen Essen auf den Tisch, Huhn und Reis. Gewürfeltes Huhn. Fleisch an Knochen und Knorpelstücken, das konzentriert abgenagt wird. Ich versuche es mit den Fingern abzuzupfen. Die Frauen essen an der Feuerstelle, lachen. Eine füttert den Jungen auf ihrem Schoß, steckt ihm kleine Reisportionen in den Mund. Ich kann nicht ausmachen, wer seine Mutter ist. Ich rieche an meinem Arm, da ist noch Babyduft, schwach. Johns und meine Blicke kreuzen sich kurz. Er springt auf und sammelt die leere Bierdose auf, die einer der Männer hinter sich geworfen hat. Sie lachen über ihn. Die alte Frau verzieht keine Miene, als er ihr die Dose übergibt. Wolken schieben sich vor die Sonne, die Luft wird leichter.

Phirun heißt Regen, sagt Phirun und wir lachen.

Der nächste Kasten Bier ist angekommen. Ich schaue nach dem kleinen Jungen, ich kann ihn nicht sehen.(..)