Sie beobachtet mich. Jede Minute, jede Sekunde. Auch in der Nacht. Ich höre sie in ihrem Versteck. Metallisches Kratzen. Ich rieche sie, wenn der Wind aus ihrer Richtung weht. Modrig, ranzig. Mit dem kleinen Finger, dem einzigen Körperteil, das ich noch bewegen kann, ziehe ich an dem Faden und bringe das Netz zum Schwingen. Nur um ihr zu zeigen: Es ist noch nicht so weit.

Jede meiner Regungen beobachtet sie. Wartend, bis ich so schwach bin, dass ich mich nicht wehre. Dann spinnt sie ihre feinen, zähen Fäden um mich, dreht mich in einen Kokon und hängt mich in ihrem Versteck auf. Wenn sie sich hungrig fühlt, wird sie mich verzehren. Woher ich das weiß? Ich habe es gesehen.

Ganz am Anfang, als ich noch gegen die Schnüre kämpfte, versuchte, sie von mir abzustreifen. Als ich noch dachte, es gäbe ein Entkommen. Und mein Nachbar, der schon vor mir festhing, mir zuflüsterte, denn mehr konnte er nicht als leise sprechen, ich solle es lassen, ich solle meine Kraft sparen. Ich schrie, ich strampelte. Die Fäden zogen sich umso fester um mich. Mein Nachbar sagte: Bleib ruhig, du machst es nur schlimmer.

Als ich schließlich aufgab, mich nicht mehr bewegen konnte, streckte mein linker Arm nach oben, der rechte zur Seite, ein Bein über das andere gekreuzt. Wie oft habe ich mich für diese Position verflucht. Das Netz erzitterte. Zuerst sah ich ihre Beine, die schwarzen, borstigen Stelzen, die den fleischigen Körper grazil über die Weben trugen. Sie wetzte ihre Klingenzähne, an denen sämige Flüssigkeit klebte. Ohne mich zu berühren, ohne überhaupt von mir Notiz zu nehmen, schwang sie ihren pelzigen Bauch über mich. Setzte ihre scharfen Fußkrallen direkt neben mir auf. Sie zischte. Ein warmer, ätzender Tropfen auf meinem Gesicht. Ich wollte ihn abwischen, sofort, wand mich, der Schleim blieb und brannte. Erschreckend die Leichtigkeit, mit der sie meinen Nachbarn vom Netz klippte, es sogleich reparierte. Als wäre dort nie etwas geschehen, sah es aus. Mein Nachbar wimmerte. Die Spinne klemmte seinen Kopf und seine Füße zwischen ihre beiden Vorderbeine und drehte ihn wie eine Spule, auf die sie ihre Fäden spann. Als sie ihn in einen ovalen Haufen weißer Weben verwandelt hatte, schleppte sie ihn weg.

Seitdem verschwende ich meine Kraft nicht mehr. Ich konzentriere mich aufs Überleben. Den Mund öffnen, wenn es regnet. Die Muskeln anspannen und loslassen, damit ich fit bleibe. Durchhalten. Am Faden ziehen.

Es ist noch nicht so weit.

Manchmal döse ich, ich schlafe nie, schlafen ist gefährlich. Wenn ich erwache, bin ich eingepuppt. Die Nachttiere pirschen an mir vorbei. Die Hoffnung, dass sie gegen das Netz stoßen, sich die Weben von der Schnauze reiben und ich einfach herunterfalle. Weg von ihr, aus ihrem Blickfeld. Ich höre sie kratzen in ihrem Versteck. Wie sie ihre Beine reibt, ihre Zähne schärft.

Die Vögel besingen den Morgen, noch bevor sich der Himmel erhellt. Die ersten Sonnenstrahlen. Tau glitzert in den Fäden. Ich bin berührt von der Schönheit meines Gefängnisses und ja, wenn man mich fragte, ich würde sagen, dass es jetzt, genau jetzt, keinen schöneren Ort auf der Welt gäbe. Ich mache meine Morgengymnastik. Spanne meine Muskeln, von den Zehen bis zu den Oberschenkeln. Die Bauchmuskeln. Die Arme, von den Händen bis zu den Schultern. Dann bewege ich den kleinen Finger, ziehe an dem Faden, bringe das Netz zum Schwingen. Guten Morgen. Es ist noch nicht so weit.(..)