Mit Sicherheit

 

(..)Der Mann und die Tochter, beide mit gesenkten Köpfen, der quadratische Bildschirm erhellt sein Gesicht, ihres ist über der Waffel verschwunden. Sie müssten nur aufschauen, sie könnten es sehen. Auch meine Blicke, die ich ihnen zuwerfe, fragend, ob sie das Ungeheuerliche, das genau vor ihnen liegt, nicht bemerken. Die Tochter reißt den Mund weit auf und schiebt einen Sahnehaufen hinein. Jeder Biss eine Bestätigung, dass diese Waffel ihr gutes Recht ist. Vor allem ist sie eine Pause von dem Gequengel, wie weit es noch ist, die Beine wehtun und sowieso keine Lust mehr und warum überhaupt. Danach werden die Bauchschmerzen kommen, mit Sicherheit, seit einer Weile verträgt sie keine Milch, dann werde ich mich verfluchen, sie nicht davon abgehalten zu haben, zu müde für den Kampf gewesen zu sein. Noch ist Ruhe, eine Waffellänge minus ein paar Bissen.

Nur ich sehe sie, die Taube, wie sie mitten auf der Straße liegt, sahneweiß, den Bauch Richtung Himmel gestreckt. Der Wind klappt ihren rechten Flügel auf und ab - sie winkt mir zu, ihrem einzigen Publikum. Ein Auto fährt an mir vorbei mit Kurs auf die Taube, ich ziehe die Schultern hoch, mache mich klein für sie, schaue zur Tochter, weil ich es nicht aushalte. Schaue auf ihre Stirn und ihre Nasenspitze, die ich nicht mehr küssen darf. Ihr Gesicht hat sich lang gezogen im letzten halben Jahr, Platz gemacht für die Ernsthaftigkeit. Beim Laufen nimmt sie meine Hand nur noch aus Versehen. Nach Jahren, in denen sie an mir hing, in denen ich um jeden Zentimeter Freiheit kämpfte. Und mich schließlich so sehr daran gewöhnt hatte. Ich halte die Luft an - die Reifen rollen links und rechts an der Taube vorbei. Sie liegt genau in der Mitte der Fahrbahn, welch eine schlaue Position für den Tod, das muss man ihr lassen. Mit erhobenem Flügel wie zum Siegeszeichen taucht sie wieder auf. Meine Schultern entspannen, ich atme aus.

 

Ich weiß, es wird passieren, mit Sicherheit. Ein Auto wird neben der Spur fahren, weiter links oder rechts. Es wird einen Knall geben. Die Tochter wird Bauchschmerzen haben, in einer Waffellänge minus ein paar Bissen, ich weiß es, und sie wird mich verlassen.(..)


 

 

Zwischentöne

 

(..)Ihre Wohnung befand sich zwei Etagen über meiner, auch eine Ein-Zimmer-Wohnung mit kleinem Bad, Küche, Abstellkammer. Die nackte Glühbirne beleuchtete die Wand mit den hellen, quadratischen Mustern von den Möbeln, die hier gestanden hatten. Auf dem verschmutzten beigen Teppich lag eine Matratze, ein umgestülpter Karton diente als Tisch und aus einer Reisetasche quollen Klamotten. Die Luft war warm und stickig, am liebsten hätte ich ein Fenster aufgerissen, stattdessen öffnete ich meine Jacke.

Ihr Gesicht war angespannt, die Linien um ihren Mund wirkten tiefer. Sie entzündete eine Kerze auf dem Kartontisch und schaltete das Licht aus. Ich versuchte mich zu erinnern, wer hier vorher gewohnt hatte. Doris kniete sich vor die Wand und winkte mich heran. Ich schwankte ein wenig, als ich in die Hocke ging. Sie legte ihr Ohr an die Wand, ebenso ihre Hände und schaute mit weit geöffneten Augen auf einen Punkt knapp neben meinem Gesicht. Sie bedeutete mir, das Gleiche zu tun, ich legte mein Ohr auf die kalte Raufasertapete, ein Hicks entfuhr mir, sie schüttelte den Kopf. Dann starrten wir uns an, das heißt sie leicht an mir vorbei, und wir lauschten der Wand.

„Hörst du es?“, flüsterte sie.

„Nein“, flüsterte ich.

„Da ruft jemand um Hilfe.“ Ob ich wisse, wer über ihr wohne, es höre sich an wie ein Kind.

Ich drückte mein Ohr fester an die Wand, lauschte durch die Tapete in die Steine hinein. Nichts.

„Seit wann hörst du das?“, fragte ich.

Der Alkohol und die Hitze pochten in meinen Kopf, nur ein Gedanke, mich möglichst schnell in mein Bett zu verziehen.

Sie sei heute Nacht davon aufgewacht, habe die Hilferufe nicht lokalisieren können, sei durch die Wohnung gelaufen und habe schließlich die Stelle an der Wand gefunden, wo man es deutlich hören könne. Sie habe oben geklingelt, aber niemand habe geöffnet, ob ich mitkommen könne, zu zweit hätten wir mehr Chancen.

 

Meine Knie schmerzten, meine Achseln waren nassgeschwitzt. Auf keinen Fall würde ich morgens um vier Uhr gegen irgendwelche Türen poltern, nicht in meinem Zustand, und nicht in ihrem.(..)

 

 

Reisegepäck

 

Ich schwinge in der Hängematte, über mir Bananenblätter. Grün, braun und dazwischen kleine Lücken blau. Die Farben sind klar in der Mittagssonne.

Ein Huhn schreit auf, verstummt.

Komm doch her, ruft John mir zu.

Auch die Männer, mit denen er neben der Holzhütte im Kreis sitzt, geben mir Zeichen dazu zu stoßen. Mittendrin Phirun, der uns in den letzten zwei Tagen auf seinem Moped von Tempel zu Tempel in Angkor Wat fuhr. Phirun heißt Regen, sagte er, blinzelte in die Sonne und fächelte mit der Hand. Dann lachten wir alle drei. Heute ist er lustig vom Bier. Ich schüttele den Kopf, sage: gleich, und schwinge weiter. Genieße den Windhauch, eigentlich nur die Bewegung der heißen Luft.

An der Feuerstelle überschütten die Frauen das Huhn mit heißem Wasser, es dampft kurz, rupfen die Federn. Ich bemühe mich, nicht hinzustarren. Sie schwatzen, schneiden Grün, werfen es in den Kessel, der über dem Feuer hängt. Ein Baby wird zwischen den Frauen herumgereicht, je nachdem welche gerade eine Hand frei hat. Sie winken mir zu, ich winke zurück. Wäre es nicht so heiß, würde ich einfach ein Stück laufen.

Ich schließe die Augen und lausche den Insekten. Bis diese von Kichern übertönt werden. Zwei Frauen stehen vor mir und wollen mir das Baby in den Arm legen. Ich lehne ab, ich bin nicht gut mit Kindern, weiß nicht was ich tun soll, wenn sie weinen, aber da sitzt der kleine Junge schon auf meinem Schoß. Sie deuten auf mich und John und das Kind, kichern. Wir schauen uns nicht an. Sie fragen, ob wir verheiratet sind. Nein, sagen wir.

Nur mit einem Hemdchen ist der Junge bekleidet, seine dunklen Augen suchen meinen Blick. Ich lächle ihn an, streichle über seine Haut, umschließe ihn mit beiden Armen, rieche an seinen seidenen Haaren. Versinke in dem süßlichen Duft. Er ist ganz ruhig, ich bin ganz ruhig.

Die Frauen wollen ihn wegnehmen, gestikulieren amüsiert. Dann verstehe ich, sie haben Angst, dass er auf mich pinkeln könnte.

Kein Problem, sage ich, mache die passende Handbewegung und den Gesichtsausdruck dazu. Ziehe den Babyduft tief ein. Nur ich, das Baby und die Hängematte.

Die Männer prosten sich zu, werfen leere Bierdosen hinter sich. Die alte Frau mit den kurz geschorenen Haaren liest sie flink auf. Ein Mann zeigt in die Luft, macht Flugzeuggeräusche und dann Schüsse, Bam, Bam, Bam, Bam – reißt sein T-Shirt hoch und deutet auf Narben.

Scheiß Krieg, sagt John und ich, die Deutsche, bin froh, dass es ausnahmsweise nicht mein Krieg ist. John zieht einen zehn Dollar Schein aus der Hosentasche für Biernachschub. Einer der Männer nimmt das Geld und verschwindet auf dem Moped.

Die zwei Frauen lassen nicht locker, ich muss den kleinen Jungen zurückgeben. Ich spüre noch seine Wärme auf meinem Schoß, ich kann ihn noch riechen. Vermischt mit Koriander und Huhn von der Kochstelle. Phirun drückt mir eine Bierdose in die Hand. Alle erheben sich und prosten sich mit metallischem Klack zu. Ich setze mich neben John, ohne seinen Körper zu berühren. Das Bier ist lauwarm. Die Frauen stellen Essen auf den Tisch, Huhn und Reis. Gewürfeltes Huhn. Fleisch an Knochen und Knorpelstücken, das konzentriert abgenagt wird. Ich versuche es mit den Fingern abzuzupfen. Die Frauen essen an der Feuerstelle, lachen. Eine füttert den Jungen auf ihrem Schoß, steckt ihm kleine Reisportionen in den Mund. Ich kann nicht ausmachen, wer seine Mutter ist. Ich rieche an meinem Arm, da ist noch Babyduft, schwach. Johns und meine Blicke kreuzen sich kurz. Er springt auf und sammelt die leere Bierdose auf, die einer der Männer hinter sich geworfen hat. Sie lachen über ihn. Die alte Frau verzieht keine Miene, als er ihr die Dose übergibt. Wolken schieben sich vor die Sonne, die Luft wird leichter.

Phirun heißt Regen, sagt Phirun und wir lachen.

 

Der nächste Kasten Bier ist angekommen. Ich schaue nach dem kleinen Jungen, ich kann ihn nicht sehen.(..)

 

In Bewegung bleiben

 

Sie beobachtet mich. Jede Minute, jede Sekunde. Auch in der Nacht. Ich höre sie in ihrem Versteck. Metallisches Kratzen. Ich rieche sie, wenn der Wind aus ihrer Richtung weht. Modrig, ranzig. Mit dem kleinen Finger, dem einzigen Körperteil, das ich noch bewegen kann, ziehe ich an dem Faden und bringe das Netz zum Schwingen. Nur um ihr zu zeigen: Es ist noch nicht so weit.

Jede meiner Regungen beobachtet sie. Wartend, bis ich so schwach bin, dass ich mich nicht wehre. Dann spinnt sie ihre feinen, zähen Fäden um mich, dreht mich in einen Kokon und hängt mich in ihrem Versteck auf. Wenn sie sich hungrig fühlt, wird sie mich verzehren. Woher ich das weiß? Ich habe es gesehen.

Ganz am Anfang, als ich noch gegen die Schnüre kämpfte, versuchte, sie von mir abzustreifen. Als ich noch dachte, es gäbe ein Entkommen. Und mein Nachbar, der schon vor mir festhing, mir zuflüsterte, denn mehr konnte er nicht als leise sprechen, ich solle es lassen, ich solle meine Kraft sparen. Ich schrie, ich strampelte. Die Fäden zogen sich umso fester um mich. Mein Nachbar sagte: Bleib ruhig, du machst es nur schlimmer.

Als ich schließlich aufgab, mich nicht mehr bewegen konnte, streckte mein linker Arm nach oben, der rechte zur Seite, ein Bein über das andere gekreuzt. Wie oft habe ich mich für diese Position verflucht. Das Netz erzitterte. Zuerst sah ich ihre Beine, die schwarzen, borstigen Stelzen, die den fleischigen Körper grazil über die Weben trugen. Sie wetzte ihre Klingenzähne, an denen sämige Flüssigkeit klebte. Ohne mich zu berühren, ohne überhaupt von mir Notiz zu nehmen, schwang sie ihren pelzigen Bauch über mich. Setzte ihre scharfen Fußkrallen direkt neben mir auf. Sie zischte. Ein warmer, ätzender Tropfen auf meinem Gesicht. Ich wollte ihn abwischen, sofort, wand mich, der Schleim blieb und brannte. Erschreckend die Leichtigkeit, mit der sie meinen Nachbarn vom Netz klippte, es sogleich reparierte. Als wäre dort nie etwas geschehen, sah es aus. Mein Nachbar wimmerte. Die Spinne klemmte seinen Kopf und seine Füße zwischen ihre beiden Vorderbeine und drehte ihn wie eine Spule, auf die sie ihre Fäden spann. Als sie ihn in einen ovalen Haufen weißer Weben verwandelt hatte, schleppte sie ihn weg.

Seitdem verschwende ich meine Kraft nicht mehr. Ich konzentriere mich aufs Überleben. Den Mund öffnen, wenn es regnet. Die Muskeln anspannen und loslassen, damit ich fit bleibe. Durchhalten. Am Faden ziehen.

Es ist noch nicht so weit.

Manchmal döse ich, ich schlafe nie, schlafen ist gefährlich. Wenn ich erwache, bin ich eingepuppt. Die Nachttiere pirschen an mir vorbei. Die Hoffnung, dass sie gegen das Netz stoßen, sich die Weben von der Schnauze reiben und ich einfach herunterfalle. Weg von ihr, aus ihrem Blickfeld. Ich höre sie kratzen in ihrem Versteck. Wie sie ihre Beine reibt, ihre Zähne schärft.

 

Die Vögel besingen den Morgen, noch bevor sich der Himmel erhellt. Die ersten Sonnenstrahlen. Tau glitzert in den Fäden. Ich bin berührt von der Schönheit meines Gefängnisses und ja, wenn man mich fragte, ich würde sagen, dass es jetzt, genau jetzt, keinen schöneren Ort auf der Welt gäbe. Ich mache meine Morgengymnastik. Spanne meine Muskeln, von den Zehen bis zu den Oberschenkeln. Die Bauchmuskeln. Die Arme, von den Händen bis zu den Schultern. Dann bewege ich den kleinen Finger, ziehe an dem Faden, bringe das Netz zum Schwingen. Guten Morgen. Es ist noch nicht so weit.(..)

 

Der Dritte

 

Halte dich fest, rufst du. Lass nicht los, rufe ich.

Die Worte kreisen mit uns. Wie der Tisch, der immer so beladen ist, dass man nur eine kleine Fläche benutzen kann. Die Steuererklärung. Die Kontoauszüge. Die Matratze saust an uns vorbei. Der Wind zerrt an meiner Hose, reißt an den Haaren, will sich zwischen uns drängen. Ich drücke mich fest an dich, wickele meine Arme, meine Beine um dich. Umklammern, bis unser Atem, unser Herzschlag eins wird. Unsere Bäuche schwitzen.

 

Halte dich fest, rufst du. Lass nicht los, rufe ich.

Wir schlagen Purzelbäume in die Mitte, dort, wo der Sturm stumm ist. Wir trudeln abwärts. Um uns peitscht der Wind die Kaffeemaschine, blättert in den Fotoalben. Weißt du noch Italien, als wir so wütend aufeinander waren? Als sich unsere Hände zu Fäusten ballten? Weißt du noch warum? Es fällt mir nicht mehr ein.

Wir halten uns fest, ganz fest, in der Stille. Lass nicht los, atme ich mit dir. Zusammen sind wir stark.

Lass los, schreie ich dem Fremden zu, der an meinen Beinen zieht, mich von dir wegzieht. Ich trete nach ihm. Er lässt nicht von mir ab. Deine Fingernägel kratzen in meine Haut.

 

Halte dich fest, rufst du. Lass nicht los, rufe ich.

 Wir treiben zurück in den Wirbel. Nur noch unsere Oberkörper halten sich. Wir schlingern. Lass nicht los, schreie ich. Der Wind schleudert meine Worte davon, schlägt uns in verschiedene Richtungen. Vorbei an unseren Laptops, unseren Zahnbürsten, unseren Kopfkissen. Mein Flauschiges und dein Hartes. Ich trete und trete, trete den anderen weg. Ihr habt es nicht geschafft, faucht der Wind. Ich pralle gegen dich, wir können uns nicht halten. Staub in meinen Augen. Angst, dass du für immer wegtreibst. Der Küchenstuhl an meinem Kopf. Ein Stoß von hinten, du bist es. (..)